Haben wir eine Chance?

Auf Ankündigungen muss man sich verlassen können. Ich finde das wichtig. Politiker kündigen viel an, besonders in einem Wahljahr. Wenn sie das dann nicht umsetzen, machen sie sich unglaubwürdig. Ist Gott auch so ein „Ankündigungsminister“? Diese Frage hat sich Jona gestellt. Die Bibel erzählt, wie Gott ihn in die Stadt Ninive geschickt hat. Jona sollte den Bewohnern dort ankündigen, dass ihre Stadt untergehen wird. Ninive, das war eine Stadt voller Ungerechtigkeit und voller Egoisten. Deswegen sollte damit in 40 Tagen Schluss sein. Die Katastrophe scheint unausweichlich zu sein, und trotzdem ändern die Menschen noch ihr Verhalten. Das finde ich ermutigend, wenn ich an die Katastrophen denke, auf die wir heutzutage zusteuern. Vielleicht gelingt es ja doch noch, den CO 2-Ausstoß deutlich zu reduzieren und die Erderwärmung zu bremsen. Vielleicht schaffen wir es mit vereinten Kräften, die Pandemie weltweit zu bekämpfen und Impfstoff und Medikamente mit ärmeren Ländern zu teilen. „40 Tage noch – und Ninive wird zerstört.“ Ja! Aber solange gilt: Veränderungen sind möglich. In Ninive haben sie ihre Chance genutzt und ihr Tun geändert. Gott hat dann seine eigenen Ankündigungen nicht wahr macht. Seine Barmherzigkeit ist größer als sein Zorn. Wir haben eine Chance. Nutzen wir sie.
Sabine Kropf-Brandau, Pröpstin des Sprengels Hanau-Hersfeld

 

Von Tausendfüßlern und Spendierhosen

Als ich klein war, hatten wir einen Nutzgarten und einen Garten mit Blumen. Umso mehr ich darüber nachdenke, desto weniger sinnvoll erscheint mir diese Unterscheidung. Der Garten mit Blumen ist auch ein Nutzgarten, denn seine Schönheit nützt der Freude von Herz und Seele. Der Gemüsegarten ist viel mehr als nur nützlich. Wer Erbsen, Möhren und Zucchini beim Wachsen zusieht, weiß, dass es jedes Mal wie ein kleines Wunder ist, wenn aus einem Mini-Samenkorn eine Pflanze wird. Beide Gärten zeigen eines: wie großzügig Gott ist. In jeder Schote sind sechs oder sieben Erbsen. Am Baum hängen mehr Früchte als wir essen können. Der Tausendfüßler hat, wie der Name sagt, tausend Füße. Und wenn wir nachts in den Himmel gucken, leuchten dort mehr Sterne, als wir zählen könnten. Großzügigkeit ist eine der schönsten Eigenschaften Gottes. Und des Menschen auch. Wie wäre es, wenn wir einfach damit aufhörten, aufzurechnen und abzuzählen. Wenn wir unsere Krämerseelen davonjagen und die Erbsenzählerei aufgeben. Heute lassen wir das Kleinkarierte mal im Schrank hängen und ziehen die Spendierhosen an. Jawohl, wir machen anderen Komplimente als gäbe es kein Morgen, bieten unseren Sitzplatz im Wartezimmer an, verschenken hemmungslos unser Lächeln und haben unbegrenzt Zeit für Freunde. Wir geben und geben bis wir abends ganz erschöpft auf der Terrasse sitzen und die Sterne funkeln sehen. Noch schnell eine Nachricht an alle verschicken: bin glücklich.
Dr. Ann-Cathrin Fiß, Stadt- und Johannesgemeinde Bad Hersfeld


Trotzdem Glauben.
Dieses Jahr trägt eigentlich kein Konfirmationskleid. Auch keinen schicken neuen dunkelblauen Anzug. Es trägt Jogginghose und Schlabberpulli. Sitzt ungeschminkt im Homeschooling und viel zu oft auf der Couch.
Es ist frustriert, deshalb läuft es nun schon ein paar Monate so herum.
Gemeinschaft, Wärme und Nähe, das gute Gefühl unter Menschen zu leben - das ist für dieses Jahr beinahe fremd. Man hat das Leben aus ihm rausgelassen. Alles auf Abstand. Immer auf Distanz.
Das Jahr hat monatelang davon geträumt sich mal wieder mit mehreren zu treffen, aber durch die Kontaktbeschränkungen waren diese Möglichkeiten massiv reduziert. Nicht mal eine Klassenfahrt war drin. Das Jahr fühlt sich mies. Um wertvolle Lebenszeit betrogen.
Diesem Jahr geht es nicht gut. Es ist ein bisschen müde. Die Gleichförmigkeit der Tage hat es mürbe gemacht. Manchmal gab es Streit, weil alles so eng war.
Die Pandemie hat das Jahr verunsichert.
Es war gelangweilt. Kein Kino, keine Partys. Nicht mal richtig Schule.
Es hatte Angst, um Oma und Opa und vor dem, was noch kommt.
Es war gestresst, weil es so oft zu Hause sitzen musste.
Das Jahr ist hart getroffen. Es ist verunsichert. Und es hat gelernt: Das Leben läuft nicht glatt. Ganz egal, wie perfektioniert und durchgeplant es daherkommen mag. Ein kleines Virus hat alle Routinen außer Kraft gesetzt. Überall auf der Welt sind Menschen betroffen. Die Armen schlimmer als die Reichen.
Unmissverständlich hat das Jahr lernen müssen, dass wir sterblich sind, verletzlich. Dass wir von jetzt auf gleich unseren Alltag umstellen müssen und vieles, was vorher selbstverständlich war, auf einmal nicht mehr möglich ist.
Und darum fragt das Jahr nach Sicherheiten in dieser außergewöhnlichen Situation. In diesem Jahr geht es ans Eingemachte und die Frage lautet: Taugt mein Glaube auch in Krisenzeiten?
In der Welt habt ihr Angst, sagt Jesus im Johannesevangelium.
In der Welt habt ihr Angst. Jesus verschweigt nicht, dass es das auch gibt. Die Trostlosigkeit und die Angst vor Einsamkeit, vor politischem und wirtschaftlichem Chaos, Angst um Kinder und Enkel.
Jesus sagt: Das gehört zu dieser Welt. Er sagt nicht: Glaubende haben keine Angst. Er beschönigt nichts. Er sagt sehr nüchtern: Die Welt ist kein Raum immerwährender Glückseligkeit – auch nicht für den, der glaubt.
Das Jahr hat gelernt: Das Entscheidende des Glaubens liegt nicht in der Behauptung, dass alles irgendwie schon in Ordnung sei und dass wir keine volle Kontrolle über unser Leben haben. Das ist schrecklich und schön zugleich. Schrecklich, weil es uns verwundbar macht, und schön, weil so auch wunderbare Dinge ganz ohne unser Zutun geschehen können.
Am Ende hat das Jahr dann doch ein neues Kleid angezogen und sich einen schicken blauen Anzug gekauft. Es will nicht aufgeben, sich nicht ergeben und sich nicht einfach abfinden mit der Lage. Darum hat es die Haare gegelt und etwas Schminke aufgetragen. Das Jahr ist erwachsener geworden und hat verstanden: Glauben bedeutet nicht billigen Trost. Glaube ist: Trotzdem. Amen.
Pfr. Frank N. Jaeger, Evangelische Stadt-& Johanneskirchengemeinde zu Bad Hersfeld 

 

Gott gießt seinen Segen aus

Gott hat seinen Segen ausgegossen – so kommt es mir in diesen Tagen mit dem vielen Regen vor. Die Natur atmet auf, das Wasser bringt Leben und die Schöpfung blüht. Flieder- und Pfingstrosenblüten verzaubern mich. Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit. Im Wochenlied für diese Woche heißt es: „Brunn alles Heils, dich ehren wir und öffnen unsern Mund vor dir; aus deiner Gottheit Heiligtum dein hoher Segen auf uns komm.“ (EG 140,1) Ich fühle mich gesegnet mit dem, was mich alles umgibt: mit der Natur, die mir Leben und Energie schenkt und mit meiner Familie, die mich freudig in den Tag gehen lässt. Gott hat alles wohl geordnet. Er ist die Fülle, aus der ich lebe. Sein Segen liegt auf allem, so wie der Regen auf die Erde strömt, so regnet seine Gnade auf mein Leben. Was für ein großes Geschenk für mich und für alle anderen. Gerhard Tersteegen hat dies 1745 für mich in wunderbare Worte gefasst: „Gott Vater, Sohn und Heilger Geist, o Segensbrunn, der ewig fließt: durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl, mach uns deins Lobs und Segens voll!“ (EG 140,5) Die Melodie dieses Liedes nimmt mich mit hinein in diese Fülle des Segens. So gehe ich beschwingt in die kommende Zeit, denn „der Herr, der Schöpfer, bei uns bleib, er segne uns nach Seel und Leib, und uns behüte seine Macht vor allem Übel Tag und Nacht.“ (140,2). Bleibt behütet und gesegnet!
Pfarrer Janosz König, Ev. Martin-Luther-Kirchengemeinde in Wildeck

Pfingsten führt Menschen zusammen

Das gesellschaftliche Klima wird rauer. Die Gräben zwischen gesellschaftlichen Gruppen werden tiefer. So lesen und hören wir es seit langem in den Nachrichten. Unterschiede zwischen Menschen sind ganz normal. Verschiedene Meinungen und unterschiedliche Lebensstile zu haben, ist an sich kein Problem. Zum Problem wird das alles dann, wenn nicht mehr klar ist, was uns über die Unterschiede hinweg verbindet.
In der Bibel (im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte) wird davon erzählt, wie an Pfingsten ein Wunder des Verstehens geschieht: Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, die alle ganz unterschiedliche Sprachen sprechen, verstehen einander plötzlich. Sie erleben, was geschieht, wenn Gott unter Menschen wirkt: Der Geist Gottes führt Menschen zusammen, er überwindet Grenzen und ermöglicht Verständigung. Der Geist Gottes setzt Menschen in Bewegung, hin auf eine gemeinsame Zukunft. Diese alte Erfahrung ist auch heute möglich. Pfingsten lädt dazu ein: Lassen Sie sich vom pfingstlichen Geist Gottes bewegen!
Dekan Dr. Frank Hofmann, Bad Hersfeld